Es war einmal Aleppo (Jennifer Benkau)

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Format: Kindle Edition
Dateigröße: 1262 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 510 Seiten
Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
Sprache: Deutsch
ASIN: B01M71ZC5U

Klappentext:

Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Antonia kommt mit ihrer Familie aus dem Urlaub, und plötzlich leben mehrere hundert Flüchtlinge nebenan.
Klar – irgendwo müssen sie unterkommen. Aber ausgerechnet hier?
Doch dann trifft Toni auf Shirvan. Und mit jeder skeptischen Frage, die sie ihm stellt, wird die Sache verzwickter.

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Aleppo – älteste Stadt der Welt

Nach einem idyllischen Familienurlaub in Dänemark, ganz ohne Technik (ohne Handy, Tablet, Laptop und ohne TV), kehren die 16jährige Antonia (Toni) und ihre Familie nach Hause zurück. Der Schock könnte größer nicht sein, denn der alte Tennisclub, der sich genau gegenüber ihres Hauses befindet, wurde zu einer Flüchtlingsunterkunft umgewandelt. Antonias Familie ist sich einig – das Flüchtlingsheim muss weg. Natürlich muss man diesen armen Menschen helfen, aber doch bitte nicht hier, nicht vor der eigenen Haustüre. Antonias Vater versucht, mit Hilfe einer Unterschriftenliste, Druck auf seinen besten Freund, den Bürgermeister von Hilgesbach, auszuüben, diese Flüchtlingsunterkunft an einen anderen Ort zu verlegen. Genau wie ihr Vater, ihr Bruder Alex und ihre Mutter, setzt auch Antonia ihre Unterschrift auf diese Liste. Als sie kurz darauf ihre Freundin Felicitas in die Unterkunft begleitet und dort den 18jährigen Syrer Shirvan kennenlernt, beginnt ihr Weltbild zu bröckeln ……

Es gibt zu viele Flüchtlinge, sagen die Menschen.
Es gibt zu wenig Menschen, sagen die Flüchtlinge.
(Ernst Ferstl)

Bei „Es war einmal Aleppo“ aus der Feder von Jennifer Benkau, handelt es sich um ein Jugendbuch mit der Altersempfehlung ab 12 Jahren. Wie in vielen anderen Rezensionen erwähnt, würde auch ich das Buch als ein „All-Age-Buch“ einstufen. Der Schreibstil ist einfach gehalten, das ist der Zielgruppe geschuldet, der Inhalt ist jedoch alles andere als einfach.

Die Namen der Protagonisten und der Handlungsort in dieser Geschichte sind fiktiv – alles andere entspricht der bitteren Realität von knapp 800.000 Menschen, die im letzten Jahr in Deutschland Zuflucht vor Krieg, Terror und Zerstörung ihres Heimatlandes gesucht haben.

Für mich stehen Toni und ihre Familie stellvertretend für die Bevölkerung Deutschlands. Während ein Teil der Bevölkerung – Toni – die Angst vor dem Unbekannten nur kurz aufflackern lässt um diese dann in Neugierde und Tatkraft umzuwandeln, versucht ein anderer Teil – Tonis Vater – zu verhindern, dass ein Flüchtlingsheim in direkter Nachbarschaft gebaut/eröffnet wird. Ein dritter Teil wendet sich, wie Tonis Bruder Max, der rechten Szene zu und der Rest, so wie Tonis Mutter, verhält sich eher still und bedeckt und wenn dann doch mal etwas gesagt wird, dann handelt es sich in der Regel um leere Floskeln, die eher einem Nachplappern gleichkommen, als einer eigenen Meinung.

Shirvan steht für ein ganzes Volk von Syrern – aus der Heimat geflüchtet aus Angst vor dem Krieg, mittellos, traumatisiert und ohne Hoffnung in Deutschland angekommen, angewiesen auf die helfenden Hände der Deutschen.

Zu fliehen und Dankbarkeit zu empfinden, seinem Heimatland entkommen zu sein, heilt nicht von Heimweh. Diese Dankbarkeit macht das Leid vielleicht sogar besonders bitter. (Shirvan)

Am Anfang der Geschichte hat Toni Angst vor Shirvan, weil sie vor 3 Jahren von jungen Männern mit Migrationshintergrund belästigt wurde. Eigentlich hat sie Angst vor allen Männern in der Flüchtlingsunterkunft, weil diese anders aussehen, eine andere Sprache sprechen und man hört doch so viel davon, dass sie sich Frauen gegenüber respektlos benehmen. Shirvan ist 18 Jahre alt, spricht 3 Sprachen fließend und arbeitet als Dolmetscher im Camp und so kann er sich mit Toni auf Englisch unterhalten. Da Toni Tag für Tag in der Unterkunft erscheint um dort zu helfen, lernen die Beiden sich näher kennen. Shirvan erzählt Toni von seiner Heimat, zeigt ihr Fotos auf dem Smartphone – die einzige Möglichkeit Bilder seiner Familie und seiner Heimat bei sich zu tragen – er erläutert ihr die politische Lage in Syrien und dass dieser unmenschliche Krieg durch ein Graffiti ausgelöst wurde, das von einem Kind an eine Wand geschrieben wurde.

Ich hatte mir syrische Städte ganz anders vorgestellt.
„Das ist Aleppo?“, frage ich.
„Nein“. Er steckt das Handy wieder ein und senkt den Blick.
„Es war einmal Aleppo“

Während drinnen im Flüchtlingsheim ganz langsam zwischen Toni und Shirvan mehr entsteht als nur Freundschaft, demonstrieren draußen, vor den Toren der Unterkunft, die „besorgten deutschen Bürger“. Letztendlich kommt es, wie es kommen muss; Tonis Eltern erfahren, dass ihre Tochter sich „mit einem von denen herumtreibt“ und nur die direkte Konfrontation zwischen den Eltern, Bruder Max und Shirvan kann jetzt noch helfen die Situation zu entschärfen. Frei nach Oscar Wilde, der sagte, dass ihn nur Essen beruhigt, wenn er völlig erregt ist, kocht Shirvan ein typisch syrisches Essen und stellt sich den Fragen von Tonis Eltern.

Vom ersten Moment an, als Jennifer Benkau dieses Buch auf Facebook angekündigt hatte, wusste ich, dass ich es lesen muss. Ich habe es schon vor einigen Wochen gelesen, es fiel mir jedoch schwer, eine Rezension dazu zu schreiben.

Das, was Shirvan erzählt, über die Flucht, die Zustände in Syrien, insbesondere Aleppo und Damaskus, war für mich kein Neuland. Ich kenne solche Schicksale zwischenzeitlich auch – nicht aus dem Fernseher oder aus den sozialen Medien, sondern aus erster Hand. Von jungen Menschen, die vor Krieg und Tod geflüchtet sind um hier in Deutschland in Sicherheit zu leben.

Ich befürchte, dass dieses Buch nur von den Menschen gelesen wird, die Flüchtlingen generell schon Empathien entgegenbringen. All diejenigen, die dieses Buch eigentlich lesen sollten, werden einen großen Bogen drumherum machen. Ich wünsche mir, dass viele Eltern ihren Kindern dieses Buch schenken oder es sogar gemeinsam mit ihnen lesen um sie für das Schicksal dieser Menschen zu sensibilisieren. Natürlich gibt es auch unter Flüchtlingen Idioten, aber die Mehrzahl dieser Menschen möchte nur eines: Frieden

Danke Jenny, dass Du dieses Buch geschrieben hast.
Die Geschichte von Shirvan steht stellvertretend für hunderttausende Einzelschicksale.

Seit Januar 2016 leben syrische Flüchtlinge Freunde in meinem Haus – eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe.

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Challenges_flowerStadt-Land-Challenge: Damaskus
Sparstrumpf-Challenge: Buch mit mehr als 500 Seiten – 3,00 €
Deutsche Autoren-Challenge: Benkau, Jennifer (leider ein Doppel!)

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8 Antworten zu Es war einmal Aleppo (Jennifer Benkau)

  1. lesenlieben schreibt:

    Eine wirklich tolle Rezension, die bei mir direkt Leselust auf das Buch geweckt hat. Das Buch wird im nächsten Jahr auf jeden Fall gelesen! Danke für die Buchempfehlung.

    LG Julia

    Gefällt 1 Person

  2. Lilli333 schreibt:

    Tolle Rezi! Danke dafür.
    Das Buch ist gerade erst vorgestern auf meine Wunschliste gewandert. Ich weiß gar nicht, warum ich das vorher nicht mitbekommen habe, dass das jetzt erscheint.
    Na egal, es wird auf jeden Fall das nächste Buch, das ich mir zulegen 🙂
    Liebe Grüße
    Lilli

    Gefällt 1 Person

  3. Cindy schreibt:

    Die letzten drei Sätze haben mir Tränen in die Augen getrieben. Das Buch ist bereits bestellt und muss so schnell wie möglich gelesen werden!

    Gefällt 1 Person

  4. Heidi schreibt:

    Ein Buch, das ich wirklich gerne lesen würde. Ich lebe mit meinem syrischen Freund zusammen, der Freund meiner Tochter ist ebenfalls Syrer. Mit uns im Haus leben drei weitere Syrer. Freunde, die alle in der gleichen Flüchtlingsunterkunft lebten. Mein gesamter Freundeskreis besteht aus syrischen Männern, und Angst hatte ich noch nie. In der Unterkunft war ich Dauergast, fand Freunde und entschied mich für einen Neubeginn. Mein Freund sprach nur arabisch, weshalb er Probleme hatte, freunde zu finden. Ich hielt immer zu ihm, wir mochten uns von unserer ersten Begegnung an. Es war wie Magie. Und irgendwann wurde aus Freundschaft Liebe. Mich macht Ablehnung wütend. Und sie macht mir Angst. Noch nie hat mir ein Flüchtling, egal welcher Herkunft, ein Leid angetan. Im Gegenteil – meine Freunde sind immer für mich da – selbst mitten in der Nacht. wenn man am Leben verzweifelt, ist da jemand, der einen auffängt. Es ist ein hartes Leben, aber wir werden es schaffen, wenn wir nur alle zusammenhalten.

    Ein wunderbares Buch, soweit ich das anhand der Rezension beurteilen kann. Aleppo war eine so wunderschöne Stadt, auch ich kenne Fotos. Zur Weihnachtszeit wunderschön geschmückt, ein toller historischer Basar, schöne Kirchen, prächtige Moscheen. Mir blutet das Herz, wenn ich den jetzigen Zustand sehe. Man ist so hilflos.

    Lieber habe ich ein Flüchtlingsheim nebenan, als nur einen einzigen Nazi! Wir haben in beiden Heimen (anfangs ca. 35 Bewohner / anfangs 15 Bewohner, jetzt nur noch 7), die ich kenne, wunderschöne Stunden verbracht. Zusammen gegessen, gefeiert (letztes Silvester mit viel Tanz – drei deutsche Frauen, zwei deutsche Männer und viele Syrer), und geredet. Ich vermisse meine Freunde, von denen ich einige nur selten sehe. Ich hoffe, dass das Buch es schafft, Vorurteile abzubauen, befürchte aber, dass es „besorgte Bürger“ nicht lesen werden, weil sie alles Fremde schon im Vorfeld ablehnen. Für weltoffene Menschen jedoch sicherlich eine Bereicherung. Ein Bildteil mit Fotos von Aleppo früher und heute, das wäre ideal.

    LG,
    Heidi

    Gefällt 1 Person

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