Das wilde Herz des Westens (Alexandra Fischer)

Ziel: Madison Valley/Montana

Phoebe Ann Harrington hat eine große Leidenschaft: Sie liebt Wild-West-Groschenromane. Wenn sie in diesen Geschichten versinkt, stellt sie sich immer vor, wie es sein würde ihre Heimat zu verlassen und Richtung Westen zu gehen. Nachdem der Amerikanische Bürgerkrieg 1865 endlich zu Ende ist, sieht Phoebe ihre Chance gekommen, diesen großen Traum zu verwirklichen. Ihr Vater ist tot, ihre Mutter hat einen neuen Mann an ihrer Seite und nichts hält Phoebe mehr in Ellicott’s Mills in Maryland. Sie meldet sich auf die Heiratsannonce eines jungen Mannes, der nach Montana übersiedeln möchte, um dort – auf eigenem Grund und Boden, gemäß des 1862 in den U.S.A. in Kraft getretenen Heimstättengesetzes* – ein neues Leben zu beginnen. Sie überredet ihre Freundin Briana Magee sie zu begleiten und kurz darauf reisen die Frauen nach Stilesville, um dort Phoebes zukünftigen Ehemann Silas Kennedy zu treffen. Von dort aus machen sie sich – gemeinsam mit seinem Bruder Jesse, dessen Frau Frances, seiner Mutter Esther und seinem kleinen Bruder Albert – auf den Weg nach Montana. Noch weiß niemand, welchen Gefahren sie unterwegs ausgesetzt sein werden. Findet Phoebe im Westen das, was sie ihr junges Leben lang gesucht hat?


„Das wilde Herz des Westens“ ist das zweite Buch aus der Feder von Alexandra Fischer, welches ich schon vor dem Veröffentlichungstermin lesen darf. Für dieses in mich gesetzte Vertrauen möchte ich mich an dieser Stelle zuerst einmal ganz herzlich bedanken. Ich bin zutiefst gerührt von dieser Geste und ich habe erneut, genau wie bei Der Traum vom Horizont ein Buch vorgefunden, das mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat. Auf satten 502 Seiten, die sich in 24 Kapitel sowie Prolog und Epilog aufgliedern, begleitet der Leser die Protagonisten auf ihrer Reise, die am 17.07.1864 in Ellicott’s Mills in Maryland beginnt und mit dem Eintreffen in Madison Valley in Montana am 05.10.1865 endet. Für mich hätte die Geschichte gerne noch weitergehen dürfen. Es fiel mir sehr schwer, mich in Montana von liebgewonnenen Charakteren zu verabschieden.

Im Prolog erfährt der Leser die Hintergründe, warum die Irin Briana Magee mit 7 Jahren im Hause von Elkhanah Harrington aufgenommen und wie eine Schwester der 8jährigen Phoebe Ann aufgezogen wird. Die Beiden werden im Laufe der Jahre zu dicken Freundinnen. So ist es nicht verwunderlich, dass Phoebe – nachdem der Krieg zu Ende ist, in dem beide als Krankenschwestern gearbeitet haben – nicht ohne ihre Freundin Briana nach Montana gehen möchte. Briana findet die Idee ihrer Freundin, einen fremden Mann zu heiraten, einfältig, willigt dann aber ein Phoebe zu begleiten.

Den 1. Teil ihrer Reise legen die beiden Frauen mit unterschiedlichen Fortbewegungsmitteln zurück. Von Ellicott’s Mills nach Pittsburgh, dann über Fort Wayne nach Springfield und weiter nach Quincy am Mississippi River per Zug, von dort aus flussaufwärts mit dem Schaufelraddampfer nach Keokuk/Iowa und schlussendlich mit der Kutsche von Keokuk nach Stilesville/Iowa, wo Phoebe von ihrem zukünftigen Ehemann Silas Kennedy erwartet wird. In Keokuk passieren 2 Dinge: Briana wird auf einen Steckbrief aufmerksam, in dem die Kennedy-Brüder wegen Mordes gesucht werden und Sie lernen das Ehepaar Frank und Mary Sheenan aus Irland kennen. Die Tatsache, dass ihr zukünftiger Mann einer der per Steckbrief gesuchten Mörder sein soll, wird von Phoebe schlichtweg ignoriert und Frank und Mary kommt im Laufe der Geschichte eine ganz besondere (aber weniger schöne) Rolle zu.

Von Keokuk aus geht die Reise nach Montana nun endlich richtig los, was Phoebe schon ziemlich bald auf den Boden der Tatsachen zurückholt und der Blick durch die rosarote Brille weicht schon bald der harten Realität. In ihren Groschenromanen war alles immer so romantisch. Niemals wurde auch nur mit 1 Wort erwähnt, wie das Leben und Reisen mit und in einem Planwagen abläuft. Man schläft mit vielen Leuten auf engstem Raum, kocht im Freien, wäscht sich an Bach- und Flussläufen, im schlimmsten Falle aus dem Eimer, oder auch mal gar nicht, und wenn man ein Geschäft verrichten muss, dann tut man das am Wegesrand oder hinter irgendwelchen Büschen, sofern vorhanden. Kühe und Hühner werden mitgenommen, damit man Milch und Eier hat und wer Hunger hat, muss auch ab und an mal auf die Jagd nach etwas essbarem gehen. Von Romantik und Abenteuer keine Spur – hier ist man auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen und diese Art der Fortbewegung ist harte Arbeit und gefährlich. So hat sie sich das nicht vorgestellt.

Phoebe entwickelt sich sehr schnell zu einer unleidlichen Reisegefährtin, der alles zu viel ist und sie überlässt das Arbeiten mit gutem Gewissen den Anderen. Einmal ist es ihr zu warm, einmal zu kalt, einmal ist der Himmel zu blau, einmal zu grau …. immer passt irgend etwas nicht in ihr Weltbild und sie verbringt die größte Zeit des Tages auf dem Planwagen, während alle anderen mit irgend etwas beschäftigt sind. Auch die Annährung an ihren Ehemann entspricht nicht unbedingt ihren Träumen und Wünschen, aber das kann sich ja noch ändern, denn man muss sich ja auch erst einmal kennenlernen. Sie macht es Silas jedoch in keinster Weise einfach.

Die Brüder Silas und Jesse könnten nicht unterschiedlicher sein. Dass sie per Steckbrief gesucht werden ist Fakt. Der Leser weiß aber, im Gegensatz zu Phoebe und Briana, warum und was überhaupt passiert war. Silas zieht sich aufgrund seines Verhaltens und seiner Aussagen Phoebe gegenüber nicht unbedingt meine Sympathie zu. Trotzdem kann ich sein Handeln verstehen und nach und nach kann ich mich auch mit ihm anfreunden.

Sein Bruder Jesse versucht permanent die Familie zusammenzuhalten, den Treck zu führen und er kommt ganz oft ruppig und raubeinig rüber, aber er hat die berühmte harte Schale um einen wirklich weichen Kern. Welchen Deal er mit seine Frau Frances hat, die eine ehemalige Prostituierte ist, verrate ich an dieser Stelle nicht.

Frances ist ehrlich, gerade heraus und wirklich sympathisch. Zumindest für mich – Phoebe kommt nicht ganz so gut mit ihr klar, alleine schon aufgrund der Tatsache, dass es sich um eine Hure handelt.

Im Gegensatz zu Phoebe blüht Briana auf dieser Reise richtiggehend auf. Sie lernt (unfreiwillig schnell) reiten und schießen (womit sie ihre Freundin Phoebe entsetzt) und sie ist sich für keine Arbeit, die gemacht werden muss, zu schade. Aufgrund ihrer irischen Herkunft wird sie von Jesse anfangs nicht sehr freundlich behandelt und sie muss sich seinen Respekt und seine Anerkennung hart erarbeiten. Für mich ist Briana die wirkliche Heldin des Romans, denn sie ist die typische Pionierfrau, die sich den Herausforderungen des Lebens entgegenstellt und nicht, wie ihre Freundin Phoebe, die Augen vor allem verschließt was sie nicht sehen möchte und sich hinter anderen versteckt.

Dann gibt es eben noch Frank, der zufällig und unfreiwillig aufgrund seiner irischen Herkunft in eine Situation gerät, aus der er sich nicht alleine befreien kann. Seine Frau wird als Druckmittel benutzt und so muss Frank tun, was von ihm verlangt wird. Seinen Lebenslauf erfährt der Leser häppchenweise und ganz nebenbei noch ein wenig irische Geschichte.

Der Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm zu lesen. Historische Romane haben selten viel Spannung, aber diese Geschichte hat mich wirklich von Anfang bis Ende gefesselt. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie viele Menschen damals „auf der Flucht“ waren um mit einem wildfremden Menschen an der Seite in einem anderen Teil des Landes ein neues Leben zu beginnen. Ohne zu wissen, was einen dort erwarten wird und ob man seine neue Heimat überhaupt lebend erreichen wird. Denn nicht alle Figuren, denen wir am Anfang des Buches begegnen, erreichen Montana auch wirklich.

Ich habe 2018 viele gute Bücher gelesen, manche hätten auch mehr als 5 Sterne verdient (im Vergleich mit anderen 5-Sterne-Büchern), aber dieses Buch hier hat definitiv viel mehr Sterne verdient. Das war mein Jahres-Highlight 2018 und ich bin sicher, dass ich „Das wilde Herz des Westens“ in naher Zukunft noch ein 2. Mal lesen werde.

* Heimstättengesetz/Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Homestead_Act

Der Homestead Act (deutsch auch Heimstättengesetz) ist ein 1862 in den USA in Kraft getretenes Bundesgesetz zum Landerwerb, das die einzelstaatlichen Regelungen ergänzte und weitere Rechtssicherheit für die Squatters schuf.

Es erlaubte jeder Person über 21 Jahren, sich auf einem bis dahin unbesiedelten Stück Land niederzulassen, sich ein 160 Acre (etwa 64 ha) großes Land abzustecken und zu bewirtschaften. Nach einer Dauer von fünf Jahren wurde der Siedler dann zum Eigentümer. Diese Frist konnte durch Bezahlen von 1,25 US-Dollar pro Acre Land (insgesamt also 200 US-Dollar) auf sechs Monate verkürzt werden.

Das Gesetz wurde am 20. Mai 1862 von Präsident Lincoln unterzeichnet.

Dieses Buch hat definitiv mehr als 5 Berner verdient !! 

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2 Antworten zu Das wilde Herz des Westens (Alexandra Fischer)

  1. Captain Books schreibt:

    Wirklich eine sehr tolle Rezi – Durch die detaillierte Beschreibung, konnte ich mich gut in das Buch hinein denken :)

    LG
    CaptainBooks

    Gefällt 1 Person

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